Acht Jahre ist es her, dass Bandai Namco mit dem ersten Code Vein das „Anime-Dark-Souls“ aus der Taufe hob. Nun meldet sich das Franchise endlich mit Code Vein 2 zurück. Dank eines Vorab-Keys konnten wir uns bereits ausgiebig in die düstere, aber wunderschöne postapokalyptische Welt stürzen. Die Entwickler wagen dieses Mal den mutigen Sprung in eine echte Open World, servieren uns emotionale Zeitreisen und beweisen, dass Original-IPs im Anime-Sektor oft die besseren Spiele sind. Doch bei aller Liebe zur Innovation bleiben sie leider auch bei einigen alten Schwächen des Vorgängers gnadenlos konsequent.
Die Welt: Postapokalyptische Abwechslung statt grauer Schläuche
Optisch hat sich die lange Wartezeit definitiv gelohnt. Der ohnehin schon schicke Anime-Look des Vorgängers wurde kräftig aufpoliert und sieht schlichtweg fantastisch aus. Während der erste Teil oft unter monotonen, grauen Dungeonschluchten litt, präsentiert sich die neue Open World erfreulich abwechslungsreich. Zwar bewegen wir uns immer noch durch eine zerstörte Zivilisation, doch die unterschiedlichen Biome bringen endlich frischen Wind in die Apokalypse.

Die offene Welt ist dabei keine leere Kulisse: Überall streunen Feinde umher, und wer abseits der Hauptwege erkundet, stößt regelmäßig auf besondere, stärkere Gegner, die wertvolle Beutetruhen bewachen. Erkundung wird in Code Vein 2 ohnehin großgeschrieben. So findet man in der Spielwelt immer wieder versteckte Buffs, die einem exklusiv im aktuellen Gebiet permanente Boni auf Lebensenergie, Stärke und andere Attribute verleihen. Das motiviert ungemein, jeden Winkel abzusuchen.
Um die Distanzen in dieser weitläufigen Welt zu überbrücken, drückt uns das Spiel nach dem Tutorial sogar den Schlüssel für ein Motorrad in die Hand. Eine an sich extrem coole Idee, die in der Praxis aber leider einen dicken Dämpfer erhält: Das Bike fühlt sich schlichtweg viel zu langsam an. Man tuckert eher gemütlich durch die Apokalypse, anstatt stilecht und rasant hindurchzurasen.

Auf technischer Seite gibt es am PC hingegen kaum Grund zur Klage: Das Spiel läuft überraschend flüssig und bis auf sehr seltene Lade-Ruckler beim Übergang in neue Gebiete bleibt die Performance durchgehend stabil.
Heilung, Seelen und der Kampf mit dem Interface
Wie es sich für ein waschechtes Soulslike gehört, funktioniert auch hier das Leveln und Shoppen über eine zentrale „Seelen“-Währung, die man beim Tod klassisch riskieren kann. Wer seine Heilung verbessern will, muss die Augen offenhalten: Die entsprechenden Upgrade-Items lassen sich nicht einfach farmen, sondern sind fest in der Open World versteckt. Dabei gibt es – ganz in der Tradition von Dark Souls – zwei verschiedene Item-Arten: Eine erhöht die maximale Anzahl der Heiltränke, die andere verstärkt die geheilte Menge pro Nutzung.
Weniger elegant als das World-Building ist leider das Interface geraten. Die Menüs und vor allem die Schnellwahlen sind gnadenlos überladen. Gerade in den ersten Spielstunden verdrückt man sich in hitzigen Gefechten extrem leicht, was schnell zu unnötigem Frust führt. Hinzu kommt eine etwas unglückliche Design-Entscheidung beim Inventar: Materialien, die Gegner fallen lassen, lassen sich optisch kaum auseinanderhalten. Die Icons sehen oft identisch aus, sodass man gezwungen ist, die Beschreibungen zu lesen – was bei der sehr klein geratenen Schriftgröße auf Dauer wirklich anstrengend ist.
Kampfsystem & Arsenal: Vom Katana bis zum Bloodcode-Booster
Einen klassischen Skill-Tree sucht man in Code Vein 2 vergeblich. Wer den ersten Teil gespielt hat, wird sich beim Kampfsystem aber sofort zu Hause fühlen. Leider krankt auch Teil 2 an einem teils schwammigen Trefferfeedback. Hinzu kommen Ausweich-Timings, die oft seltsam unpräzise wirken. Blocken und Parieren sind zwar als Mechaniken vorhanden, fallen aber unverhältnismäßig kompliziert aus, sodass man sie im Eifer des Gefechts oft lieber komplett ignoriert.

Trotzdem macht das Schnetzeln enormen Spaß, was vor allem am tollen Arsenal liegt. Nach ausgiebigem Experimentieren mit verschiedenen Waffentypen hat sich für uns das Katana als absoluter Favorit herauskristallisiert – das schnelle, flüssige Moveset passt perfekt zum Anime-Vibe. Dennoch zwingt uns das Spieldesign erfreulicherweise dazu, flexibel zu bleiben und die Waffen je nach Boss oder Gegnertyp auch mal durchzuwechseln. Die Gegnervielfalt in der Spielwelt ist hoch, und gerade bei den größeren Brocken merkt man, wie viel Mühe ins Design geflossen ist, da sie alle eine völlig andere Herangehensweise erfordern.
Das fehlende Skill-Tree-System wird durch die sogenannten Bloodcodes (Klassen) ersetzt, und hier glänzt das Spiel! Das System wurde im Vergleich zum Vorgänger sinnvoll erweitert. Man erhält die Bloodcodes weiterhin von seinen Begleitern, aufgeteilt nach verschiedenen Kampfstilen. Der geniale Clou: Hat man einen Bloodcode komplett aufgelevelt, schaltet man mächtige Booster frei, die die Werte nachhaltig verändern oder dicke Boni auf die Lebensenergie geben. Das lädt zum wilden Kombinieren ein.
Zeitreisen, Hub-Gespräche und die pure Anime-Essenz
Die größte erzählerische Überraschung bietet die Story-Struktur. Zusammen mit der Begleiterin Lou reist man durch die Zeit, um herauszufinden, wie man jene Helden besiegen kann, die in der Gegenwart etwas Wichtiges versiegelt haben. Aktionen in der Vergangenheit haben dabei direkte Auswirkungen: Rettet man beispielsweise direkt im Tutorial einen bestimmten Charakter, nimmt das sofort merklichen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte.
Diese Zeitreisen verleihen den Bosskämpfen eine nie dagewesene Fallhöhe. Man lernt die „Gegner“ in der anderen Zeitlinie kennen und merkt, dass sie eigentlich durchweg gute Intentionen hatten. Das gipfelt in Momenten purer Dramatik: Der erste große Kampf gegen einen dieser Helden brennt sich regelrecht ins Gedächtnis ein, weil die Figur uns gar nicht töten will. Sie kann sich gegen ihren Instinkt nicht wehren und bettelt den Spieler während des Kampfes an, einfach zu verschwinden. Solche emotionalen Spitzen sind grandios inszeniert. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: Während die Hauptbosse fantastisch designt sind, fehlt es den kleineren Bossen in der Welt etwas an optischer und mechanischer Abwechslung.

Zwischen den nervenaufreibenden Kämpfen zieht man sich in den zentralen Hub zurück. Hier wertet man Waffen auf, kauft Items und vertieft die Beziehungen zu den Begleitern. Unsere absolute Favoritin ist dabei ganz klar Lou, die mit ihren Buffs und Debuffs unser Katana-Gameplay perfekt ergänzt hat.
Die Interaktionen im Hub und in der Welt triefen dabei vor Anime-Humor. Das Spiel bedient so gut wie jedes bekannte Genre-Trope – das ist mal wahnsinnig witzig, mal rollt man als Spieler kurz mit den Augen. Aber genau das macht Code Vein 2 für Anime-Fans zu einem echten Highlight. Es beweist einmal mehr, dass originäre Spiele-IPs im Anime-Look oft um Längen besser funktionieren als halbgare Videospiel-Adaptionen bekannter Serien. Untermalt wird das Ganze von einem fantastischen Soundtrack, der sich perfekt in die Szenerie einfügt. Das Einzige, was zur absoluten Perfektion jetzt noch gefehlt hätte, wäre ein richtiges, fettes Anime-Opening im Stil eines Tales of Arise oder Scarlet Nexus gewesen.
FAZIT
Code Vein 2 ist eine konsequente und mutige Weiterentwicklung. Die Open World und das emotionale Zeitreise-Feature hauchen dem Franchise frisches Leben ein. Alles in allem hatten wir mit diesem Titel massiv Spaß und können nur hoffen, dass wir bis zu einem möglichen dritten Teil nicht wieder acht Jahre warten müssen. Und wer weiß: Vielleicht traut sich Bandai Namco für die Zukunft dann sogar an einen echten 2.5D-Cel-Shading-Look im Stile von Dragon Ball FighterZ heran – das wäre die absolute Krönung für diese Reihe.

